07. Juni 2006
Prozeßbeginn mit Geständnis
Dienstag, 9 Uhr, im Saal 1.99 des Landgerichtes Dresden in der
Lothringer Straße. Den "Prozeß des Jahres" gegen Oberbürgermeister
Ingolf Roßberg und den Ex-Flutgeldmanager Rainer Sehm eröffnete der
Vorsitzende Richter der 5. Großen Strafkammer, Hans
Schlüter-Staats. An seiner Seite zwei weitere Berufsrichter und
zwei Schöffinnen. Strengste Sicherheitsprüfungen wurden die 80
Beobachter auf den Zuschauerplätzen unterzogen. Nur 30 Journalisten
sind zugelassen; Film- und Fotoaufnahmen im Saal sind verboten.
Staatsanwalt Till Pietzcker wirft als Chefankläger in einer
125-seitigen Anklageschrift dem Oberbürgermeister Beihilfe zum
Bankrott, Untreue und Vorteilsnahme vor. Sehm ist wegen
vorsätzlichem Bankrott und Bestechlichkeit angeklagt. Roßberg hatte
u.a. das Honorar für Rainer Sehm von 2600 Euro - ohne Stadtrat und
Regierungspräsidium zu fragen - auf 9300 Euro erhöht. Teile dieses
Honorars hatte Sehm dann mit Hilfe der "Strohfirma" Actor
Consulting dem Insolvenzverwalter vorenthalten. Roßberg soll das
gewußt haben. Womit an diesem ersten Verhandlungstag wohl kaum
einer gerechnet hat: Endrik Wilhelm, der Anwalt des Mitangeklagten
Rainer Sehm, trägt eine Erklärung seines Mandanten vor, die in
mehreren Punkten so etwas wie ein Geständnis ist. Es kommt zu
Aussagen, die den Dresdner OB stark belasten... Weitere acht
Verhandlungstage hat der Richter angesetzt und will am 30. Juni das
Urteil verkünden. Ingolf Roßberg beteuerte wiederholt seine
Unschuld. Mit seinem Verteidiger Stefan Heinemann ist er sich darin
einig: Alle seine Handlungen wären nicht strafrechtlich relevant
gewesen. Heinemann ist sehr erfahren im Wirtschafts- und
Verwaltungsrecht. Bisher sind 23 Zeugen geladen, darunter die drei
Bürgermeister Herbert Feßenmayr, Winfried Lehmann und Detlef
Sittel. Weitere Politprominenz muß in den nächsten Tagen in den
Zeugenstand. Unterschiedlich sind bisher die Reaktionen. Während
die FDP hinter ihrem OB steht, halten sich andere Fraktionen noch
zurück. CDU-Fraktionsvorsitzender Michael Grötsch meinte: "Endlich
ist es losgegangen. Jetzt wird geklärt, was richtig und was falsch
im Handeln von Herrn Roßberg ist." Er will aber keine Partei
ergreifen, denn als Anwalt weiß er, vor einem Urteil muß man
neutral bleiben. Wie das Urteil ausfallen wird, es kann von
Freispruch bis zu einer Verurteilung mit Freiheitsstrafe lauten,
ist noch völlig ungewiß. Klar ist aber, daß dieser Prozeß dem
Ansehen der Stadt Dresdens in Deutschland und im Ausland sehr
schadet. her