04. Mai 2010
Karlheinz Drechsel und das Dresdner Dixielandfestival
Seit 1971 ist Karlheinz Drechsel als Moderator beim Dixielandfestival Dresden dabei. Bekannt ist der 80jährige für seine profunde Sachkenntnis in allem rund um Jazz und Swing. Viele internationale und nationale Künstler hat er kennengelernt, auf Tourneen begleitet und auf der Bühne anmoderiert. Heute gehört der gebürtige Dresdner zum Internationalen Dixielandfestival wie Bart zu Simpson oder Schoko zu Riegel. Dabei fing alles sehr unspektakulär an, wie Drechsel sich noch gut erinnert: „Wir haben 1967 beim Deutschlandsender eine Reihe mit Jazzkonzerten mit mir als Moderator gestartet. Das wurde so erfolgreich, dass 1970 der Musikredakteur Erich Knebel vorschlug, das Ganze etwas größer aufzuziehen. Einen einmaligen Abend mit mehreren Bands.“
Natürlich hatte man zuerst Konzerthäuser in Berlin oder Leipzig ins Auge gefasst, doch Drechsel schlug den gerade erst eröffneten Dresdner Kulturpalast vor. Nach einem Probekonzert im Studiotheater vor 200 Leuten wurde dann euphorisch der große Saal für Pfingstsonntag `71 angemietet. Drechsel: „…und weil die sechs auftretenden Bands aus vier Ländern kommen, nannte Knebel es „Internationales Dixielandfestival“. Es sollte ein toller Abend werden, doch er wurde zu einem Fiasko. Nicht einmal 800 Leute kamen in einen Saal, der 2400 Plätze bietet. Das wäre es beinah schon gewesen. Aber von einer anderen Seite kam Zuspruch, erzählt Drechsel: „Da war Joachim Schlese, damals Regisseur im Kulturpalast, der an diesem Abend Dienst hatte und die gesamte Veranstaltung hinter der Bühne betreute. Schlese sagte, es hätte ihm so gut gefallen, wir sollten das weiterführen und er würde sich in seinem Haus dafür stark machen. Und so kam es dann auch.“
Das Festival feiert 2010 sein 40. Jubiläum. Über die Anfänge kann auch Drechsel heute nur lächeln. Zur kurios ist manches, womit die Organisatoren damals zu kämpfen hatten: Man konnte nicht ins Ausland telefonieren oder nur mit langer Voranmeldung, eines Tages wurden nur noch junge Männer als Betreuer für Westkünstler eingesetzt, da sich einige Frauen mit Künstlern verheiratet haben und als Ehepaar in den Westen gegangen sind, oder auf der Bühne nie eine Ostband direkt nach einer aus dem Westen spielen darf, um die deutsch-deutsche Verständigung zu unterbinden.
„Nachdem wir auch westdeutsche Gruppen beim Festival hatten, wurde ich als Moderator zum Intendanten bestellt. So etwas hatte es vorher nicht gegeben. Es ging um meine Ansagen und dass ich die westdeutschen Künstler nicht hervorhebe, so dass keine Tuchfühlung zwischen Ost und West auf der Bühne entsteht.“ So etwas war bei den am Schluss der Konzerte oft stattfindenden Jamsessions allerdings geradezu unmöglich.
Heute sind es ganz andere Probleme, die von den Organisatoren gelöst werden müssen: „Das Festival ist immer größer geworden, vielfältiger und teurer. Auch wir mussten die Schrauben etwas zurückdrehen, weil die ökonomische Situation schwieriger geworden ist und ohne Sponsoren, ein Begriff den wir früher gar nicht kannten, nicht mehr läuft. Wenn Sponsoren abspringen, ist das für das Festival ein ganz großer Schlag.“
Dennoch hat sich das Internationale Dixielandfestival zu etwas ganz Besonderem in der Welt entwickelt, wie auch die Künstler bestätigen. Drechsel: „Es sind hier fast ausschließlich Amateure aufgetreten. Dresden hat immer großen Wert auf die Geselligkeit, das Miteinander gelegt. Die Bands kamen nicht für ein Konzert, sondern wurden von Anfang bis Ende in das Festival eingebunden. Dadurch entstand eine besondere Art Kommunikation. Keiner fühlte sich als Star, alle wurden gleich behandelt, das gibt es nur in Dresden.“
Neben der in den 40 Jahre gewachsenen Euphorie sieht Karlheinz Drechsel allerdings auch Schatten über der Zukunft dieses einzigartigen Festivals: „Leider steht ab 2012 der Kulturpalast für uns nicht mehr zur Verfügung, so dass man jetzt noch gar nicht weiß, wie es weitergeht. Die Zukunft besteht nur aus Fragezeichen. Meine Prognose ist: Das Festival wird seinen einmaligen Charakter und seine internationale Ausstrahlung verlieren.“
Doch zunächst sollten wir uns auf ein tolles Jubiläumsfestival mit vielen Bands freuen.
Andreas Weihs
Bei einem Leben für den Jazz mit seinen vielen Spielarten gibt es im Schallplatten-Regal so manche Rarität. Foto: A. Weihs
