27. April 2010

Neuer Streit um die Gewandhausfläche am Neumarkt

Wie kaum ein anderes Bauprojekt – und das sehr, sehr weit über die Stadtgrenzen hinaus! – ist die Bebauung des Dresdner Neumarktes (vorsichtig ausgedrückt) umstritten. Es besteht zwar Konsens bei der Berücksichtigung einzelner historischer Parzellen und Relationen, aber in der konkreten Umsetzung gibt es immer wieder neue unterschiedlicher Ansichten und Forderungen.

Der handfeste Streit in Dresden dient inzwischen auch als Vorbild und Diskussionsgegenstand bei der Rekonstruktion verlorener Bauwerke in anderen Städten. Beispiele sind die Altstadt von Frankfurt am Main oder das Berliner Stadtschloss. Was nicht unbedingt positiv ist.

Der Dresdner Neumarkt galt bis zu seiner Zerstörung als ein geschlossenes Ensemble des bürgerlichen Barocks von weltweitem Rang. Von allen Gebäuden, die bis 1945 am Neumarkt standen, blieben lediglich das Johanneum und (als Ruine bis zu ihrem Wiederaufbau) die Frauenkirche erhalten. Alle anderen Gebäude wurden zerstört, die Ruinen nach 1945 vollständig abgetragen.

Es gibt aber auch die Fläche des ehemaligen Gewandhauses. Es wurde bereits 1791 abgerissen und nicht wieder aufgebaut.

Die Stadt wollte jetzt die Geschlossenheit des Neumarktes schaffen und schrieb einen Gestaltungswettbewerb für ein "neues Gewandhaus" auf dieser Fläche aus. Die Stuttgarter Architekten Cheret & Bozic gewannen ihn mit einem sehr modernen Entwurf, der für Streit sorgte. Die FDP bekam im Mai 2008 mit ihrem Vorschlag im Stadtrat eine Mehrheit, die Fläche zunächst in den nächsten zehn Jahren nicht zu bebauen. Danach wolle man neu entscheiden. Es stand die Oberbürgermeisterwahl vor der Tür, und wenigstens dieser Streitpunkt sollte aus dem Wahlkampf heraus.

"Übergangslösungen sind Untergangslösungen", sagte der oft etwas zynische österreichische Schriftsteller Helmut Qualtinger. In diesem Sinne schlagen jetzt CDU und FDP vor, das GewandhausGrundstück zu begrünen, Hecken, Brunnen und Bänke aufzustellen und höchsten Pavillons zu errichten. Damit wäre ein Gewandhaus aber eben wohl endgültig zu den Akten gelegt.

Die Gestaltungskommission Kulturhistorisches Stadtzentrum geht dagegen auf die Barrikaden und spricht von einem "Jahrhundertfehler". Nur mit einer Bebauung bekäme das Platzgefüge eine "räumliche Qualität". Kleinteilige Bürgerhäuser wären allerdings auch vorstellbar. Ein entsprechendes Projekt liegt bereit aus dem Tisch und wurde vergangene Woche im Ortsbeirat Altstadt von der Stadtplanerin Katrin Tauber favorisiert.

Ist das der Beginn eines neuen Dauerstreits, wie wir ihn von anderen Projekten in Dresden kennen? Irgendwie muss wohl Henry Ford I. die Dresdner schon gekannt haben, als er sagte: "Die meisten Menschen wenden mehr Zeit und Kraft daran, um die Probleme herumzureden, als sie anzupacken."

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