09. März 2010

Die Königin der Eisbären

Die Königin der Eisbären

Ihren weltberühmten Eisbärenkuss hält eine DDR-Briefmarke fest. In meinem Buch-Erstling "33 Zirkusgeschichten" (1977) ist die erste Story um Ursula Böttcher zu lesen. Ihr Bruder Siegfried Blütchen schrieb "Kleine Frau, bärenstark", das Buch ihres Lebens.

Das wird auch künftig an die kleine große Frau erinnern, die am 3. März im 83. Lebensjahr unerwartet in ihrer Heimatstadt Dresden starb. In Amerika wurde die als "The Brilliant Baroness of the Bears" gefeiert, in Deutschland nannte man sie "Eisbärenkönigin". Sie selbst meinte: "Ich wollte nur gute Arbeit abliefern."

Der absolute Weltstar des Staatszirkus der DDR, ausgezeichnet mit dem spanischen Zirkus-Oscar, einem monegassischen Specialpreis, dem Kunst- und dem Nationalpreis der DDR, dürfte nach dem weltweiten Verbot von Eisbärendressuren nicht mehr nur die bedeutendste, sondern auch die letzte ihres Stammes bleiben.

Als Ursula Blütchen am 6. Juni 1927 in der Dresdner Neustadt geboren, angeregt vom Erlebnis Sarrasani, ging Uschi 1952 zum Zirkus. Doch da keine andere Stelle bei Busch frei war, musste sie sich als Putzfrau verdingen. Nach drei Jahren erhielt sie ihre erste Chance. Der holländische Dompteur Gaston Bosmann übergab ihr seine Löwengruppe im Zirkus Barlay. Es folgten Braunbären, und eine Gemischte Raubtiergruppe mit Eis- und Braunbären sowie Leoparden.

1964 der Durchbruch. Einer Idee des seinerzeitigen Generaldirektors folgend, baute sie eine welteinmalige Eisbärenshow mit zehn Tieren auf, "die größte und schönste der zweiten Jahrhunderthälfte". Sie hatte das seltene Glück, sie als Babys zu bekommen und aufziehen zu können. Demzufolge debütierte sie mit einer "Eisbären-Kinderstube".

Assistiert von Wolf Mantang und später Manfred Horn, studierte sie Tricks ein, die vordem kaum möglich erschienen. Sie hatte sie dem Verhalten der Tiere in der Natur abgelauscht. Möglich wurden sie durch das unbedingte Vertrauen zwischen Mensch und Tier. Uschi gelang es, Zugang zur Seele der weißen Giganten zu finden.

Ihre Weltkarriere führte sie durch ganz Europa, sechseinhalb Jahre in die USA, nach Japan. Weitere Engagements standen in Aussicht. Die Dresdner erlebten sie letztmals in der tränenreichen Abschiedsvorstellung des Weihnachtszirkus Anfang Januar 1999.

Das bittere Ende noch im selben Jahr. Mit einem zweizeiligen Schreiben wurde der Weltstar von der Treuhand entlassen. Hinterhältig holte man ihre Tiere ab, bevor sie ihren Dienst antrat. "Ich konnte mich nicht einmal von ihnen verabschieden." Dieses Trauma überwand sie bis zu ihrem Tod nicht. "Die Tiere waren meine Kinder."

Uschi und ich - wir kannten uns seit 1958 – waren viele Jahre befreundet. Zusammen mit Rolf Hoppe präsentierte sie unter anderem meine Buchpremiere zu "Zirkusstadt Dresden". Ich konnte sie mehrfach als lebhaften Talkshowgast vorstellen. … Beim Weihnachtszirkus saßen wir stets in der ersten Reihe fachsimpelnd nebeneinander.

Der letzte vereinbarte Besuchstermin muss nun unerfüllt bleiben.

Ernst Günther

 

Ursula Böttcher mit unserem Autor Ernst Günther (re.) und Rolf Hoppe bei der Buchpremiere der "Zirkusgeschichten". Foto: Archiv/ekki

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